Langsam wurde ich gewahr, daß ich der Fotografie nur dann auf die Schliche käme, wenn ich mich ihr Stück für Stück nähern würde. So wie Barthes es tat. Ich müßte in mich hineinhorchen und beschreiben, was ich sehe und denke, auch was ich fühle. Ich müßte feststellen, was die Fotografie ausmacht, was ihre essentiellen Bestandteile sind. Ich würde unterscheiden müssen zwischen Betrachter und "operator". Ich müßte bestimmte Bereiche vorerst ausblenden. Doch welche? Ich müßte auf die Geschichte der Fotografie eingehen. Ja, ich müßte die Geschichte des Sehens eruieren. Dies schien mir sicher: Der Blick, die Kontrolle des Blicks und die Wahrnehmung sind ein Schlüssel zum Geheimnis Fotografie. Und wie stand es mit der Sehnsucht nach Repräsentation, dem Bedürfnis sich darzustellen, ein Bild von sich und seinen Lieben zu machen? Wie wirkte sich dies auf die Fotogafie aus? Und: was bedeutet die Digitalisierung der Bilderwelten für die Fotografie?

Ich mußte merken, daß meine Fragen sich mehrten, die Antworten stagnierten, je tiefer ich in das Thema einstieg. Es tauchte alsbald das Problem der Informationsflut auf, die sich zum Ziel gesetzt hatte, mehr an Informationen zu wollen, statt Antworten auf die Fragen zu liefern. Das Projekt drohte zu scheitern, die Speicher überzuquellen.

Bei grober Durchsicht meiner Informationen konnte ich zwei größere Bereiche ausmachen: die Planperspektive und die Repräsentation.

Ich beschloß, von vorne anzufangen. Das hieß ganz weit ausholen, das hieß die Planperspektive verstehen. Das hieß zu verstehen, daß wir seit Alberti nur noch mit einem Auge die Welt da draußen erblicken und dieses eine Auge auch noch starr ist. Dieser mathematische Raum sollte von nun an die Welt dort draußen bedeuten. Aufgezeichnet mittels der Camera Obscura. Die Planperspektive war ein neues Instrument zur Beherrschung des Raumes, des Blickes und der architektonischen Probleme. "So läßt sich die Geschichte der Perspektive mit gleichem Recht als ein Triumph des distanzierenden und objektivierenden Wirklichkeitssinns und als ein Triumph des distanzverneinenden menschlichen Machtstrebens, ebensowohl als Befestigung und Systematisierung der Außenwelt, wie als Erweiterung der Ichsphäre begreifen." Die Fotografie konnte demzufolge die Welt da draußen wie die Welt in einem selbst bedeuten. Es zeigte sich, daß die Fotografie immer zwei Leserichtungen hat.

Oft, vor allem in ungewohnten, gar beängstigenden Situationen, griff ich zur Kamera, verschanzte mich hinter dem Sucher, visierte die Welt und ihre Ereignisse. Bald schwenkte ich die Kamera nach links, dann wieder nach rechts. Hatte ich ein weiteres Objektiv bei der Hand wechselte ich dies. Sprach mich wer an, murmelte ich unverständliche technische Details in mich hinein. Oder stellte komplizierte Fragen zum Objekt oder den Lichtverhältnissen.

Ich besaß zwei Kameras. Eine mit einem Motor, die andere ohne. So hoffte ich, auf die verschiedenen Ereignisse adäquat reagieren zu können. Meistens jedoch reagierte ich auf meine eigenen Launen und Eingebungen. Eines Tages rannte ich und hielt die Kamera, die mit dem Motor, auf meine Füße gerichtet, um diese zu fotografieren. Ein andermal hetzte ich an Regalen in einem Supermarkt vorbei und betätigte unentwegt den Auslöser der Kamera.

Dieser Drang, das "Draußen", die Welt, die mich umgibt, einzufangen und zu beherrschen, bescherte mir schon in jungen Jahren eine Kamera. Eine Pocketkamera mit Vorsatzlinsen. Das war mir schon damals wichtig: selektieren und interpretieren zu können. Nichts ist, wie es ist. Man macht es zu dem, was es ist. Auf einer Klassenfahrt brach ich unter Tränen zusammen, weil ich glaubte, jemand hätte mir meine Kamera entwendet. Dabei hatte ich sie nur sehr gut versteckt. Um die Bilder wäre es mir nicht schade gewesen. Die kommen und gehen. Das Ding besaß alleine die Wichtigkeit. Die Wichtigkeit potentiell etwas zu fixieren, etwas anzuvisieren, den Auslöser zu drücken.

Sicherlich war das Entwickeln der Filme spannend und das Vergrößern der Negative. Letztlich aber war der Prozeß des Fotografierens das Wesentliche. Auf ihn kam es an. Alles andere war Arbeit. Das Fotografieren bedeutete Lust und Spiel. Jagd und Beute machen. Ich betone Beute machen. Nicht mit ihr prahlen: Seht her, was ich Tolles habe.

So, denke ich, geht es den meisten Fotografen: Sie machen Beute. Und: sie sagen: Seht, schaut her, so war es, so ist es. Ich war dabei. Ich habe den entscheidenden Moment mit meiner Kamera festgehalten. Das ist natürlich nur ein taktischer Zug, um im Universum der Fotografie einen besonderen Platz einzunehmen. Ich ließ mich da nicht täuschen. Nur manchmal sah ich mir Bildbände an und verstand nicht, warum sie produziert wurden. Nicht weil die Fotografien schlecht wären oder die Techniken oder die Sujets. Meist stellte ich mir die Frage: warum das? Schauen sie sich Tillmanns an. Warum? Er war da. Er hat das so gesehen. Und es paßt. Sicherlich in eine Marktlücke.

Dann stellte ich fest, daß jede Fotografie aus drei Ebenen besteht: Der, was es zeigt, also der referenten, der Formensprache, also traditionelle bildgestalterische Momente und der des abstrakten Moments, der jeder Fotografie innewohnt: das Existieren von der Welt, die mechanische Reproduzierbarkeit der Planperspektive.

Ich nahm mir vor, in der Stadt umherzuschweifen und mich hin und wieder von Personen mit meiner eigenen automatischen Kamera vor irgendeinem Gebäude oder einer Statue ablichten zu lassen. Was würden die Fotografien zeigen? Was würden sie bedeuten? Gab es da einen Unterschied?

Sascha Büttner im Frühjahr 1990

 

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