Anmerkungen zu Büttners Die Kaltenbach Dokumente
Wiesbadener Raum, bis 2. Februar 2026
Was passiert, wenn jemand über jemanden schreibt, der über ihn schreibt? Wenn die Kritik zur Fiktion wird und die Fiktion zur Kritik an der Kritik? Büttner, dessen Théorie-Dérives seit Jahren an der Schnittstelle von Street Photography, situationistischer Praxis und akademischem Essay operieren, hat mit Die Kaltenbach Dokumente eine Installation vorgelegt, die genau diese Frage nicht beantwortet, sondern als Aporie inszeniert.
Die Wahl des Ortes ist kein Zufall. Nicht eine der etablierten Institutionen, nicht der White Cube, an dem sich seit Jahrzehnten die Frage abarbeitet, was nach der Autonomie kommt, wenn die Autonomie verschwindet. Sondern ein ehemaliges Ladenlokal in der Dotzheimer Straße – Linoleumboden, Neonröhren, die nervös flackern –, eingebettet in den Wiesbadener Raum, jenes seit 1999 fortgeschriebene Projekt, das Büttner als „Testfeld zur Erforschung von Bezugs- und Wertesystemen in der Kunst“ konzipiert hat. Was Knoebels Genter Raum für die Farbe war – der monochrome Nullpunkt, die Ikone der Reduktion –, ist der Wiesbadener Raum für den Diskurs selbst: ein Rahmen, der nichts behauptet, der nicht einmal behauptet, nichts zu behaupten. In einem früheren Text hat Büttner das als institutionelle Dérive bezeichnet – ein Begriff, den Kaltenbach sofort zerlegen würde. Aber genau das ist der Punkt.
Im Zentrum steht ein Zettelkasten. Holz, Metall, handgeschrieben. Die Schubladen tragen keine Beschriftung. Die Besucher:innen dürfen sie öffnen, aber die Zettel, handelsübliche, beschriftete Karteikarten, in den Schubladen nicht ordnen, nicht umsortieren, nicht entnehmen, nicht hinzufügen. Das System, so die implizite Behauptung, ist bereits vollständig. Es duldet keine Ergänzung.
Die Zettel selbst – alle viertausendzweihundertdreißig, die das System umfasst, sind im Raum zugänglich, verteilt auf die Schubladen des Originalkastens und zusätzliche Vitrinen an den Wänden – dokumentieren das Denken einer Figur namens Kaltenbach. Kein Vorname. Autodidakt. Proletarischer Hintergrund, westdeutsche Nachkriegsbiografie, irgendwann abgewandert aus dem Ruhrgebiet in eine nicht näher lokalisierte bayerische Peripherie. Die Einträge folgen einer rigiden Taxonomie: Begriff, Definition, Etymologie, Anmerkung, Querverbindungen, Zusatz. Keine Fragezeichen. Keine Konjunktive. Die Form zitiert Luhmann, aber der Geist ist ein anderer: Wo Luhmanns Kasten ein offenes System war, ein Denkwerkzeug, das sich selbst überraschen konnte, ist Kaltenbachs Kasten eine Festung. Was nicht drinsteht, existiert nicht. Das ist seine Definition. Das ist sein Problem.
Die Ironie des Projekts – und Büttner ist klug genug, sie nicht zu markieren – liegt in der Positionierung. Büttner selbst taucht in den Dokumenten auf. Immer wieder. Als Antagonist. Als das, was Kaltenbach verachtet: der akademische Textproduzent, der Begriffe nicht schärft, sondern aufbläst, der Spur sagt, wenn er Fußabdruck meint, der Dérive sagt, wenn er Spaziergang meint, der Théorie-Dérive erfindet und glaubt, damit etwas gesagt zu haben. In einem der längeren Prosafragmente, die an den Wänden hängen (Bei Haberkorns, datiert auf 2024), wird ein nächtliches Gespräch rekonstruiert, in dem Kaltenbach Büttners Text Systemisches Gaslighting Satz für Satz zerlegt. Hamilton 1938. Der kategorische Imperativ. Die Begriffsinflation. Kaltenbach gewinnt. Büttner bleibt sitzen, das Bier wird warm.
Wer spricht hier? Die Frage ist zentral, und Büttner verweigert die Antwort. Die Texte sind in der dritten Person verfasst, aber die Zettel in der ersten. Kaltenbach schreibt: „Ich denke.“ Kaltenbach schreibt: „Mein Versprechen.“ Die Prosastücke hingegen berichten, beobachten, halten Distanz. Sie klingen nach Thomas Bernhard – die Tiraden, die Wiederholungen, die Eskalation –, aber sie sind auch durchsetzt mit Momenten der Lakonie, die eher an Hemingway erinnern. In Der neue Mieter, einem weiteren Fragment, das auf einem separaten Tisch liegt (Papier, nicht laminiert, die Besucher:innen können es anfassen, knicken, beschädigen), begegnet Kaltenbach einem Nachbarn, der sich seiner Logik entzieht. Der Mann widerspricht nicht. Er stimmt nicht zu. Er verschwindet. Kaltenbach bleibt mit einem unfertigen Zettel zurück: „Verweigerung, passive.“ Keine Querverbindungen. Das System hat eine Lücke.
Was Büttner hier betreibt, ist nicht einfach Autofiktion – obwohl die Selbsteinschreibung offensichtlich ist. Es ist auch nicht einfach Institutionskritik, obwohl der Zettelkasten als institutionelle Form ernst genommen wird: als Archiv, als Ordnung, als Machtdispositiv. Es ist vielmehr der Versuch, den Logozentrismus von innen zu dekonstruieren, indem man ihn übertreibt. Kaltenbach ist kein Pappkamerad. Er hat Recht. Oft. Seine Kritik am Begriff Gaslighting, der vom klinischen Phänomen zum universellen Beschwerdewort gedehnt wurde, ist präzise. Seine Etymologien sind korrekt. Seine Querverbindungen ergeben Sinn. Das ist das Verstörende: Die Figur funktioniert. Sie ist kohärent. Sie ist überzeugend. Und sie ist unerträglich.
Die Frage, die das Projekt stellt – ohne sie zu stellen –, ist die nach der Grenze der Rationalität. Wann wird das System, das alles erklären will, selbst zum blinden Fleck? Wann wird die Waffe, die Begriffe kontrolliert, zum Gefängnis dessen, der sie führt? Kaltenbach sieht nicht, dass sein eigenes Denken eine Position ist. Er sieht nicht, dass der Zettelkasten, der alles ordnet, das Unordentliche ausschließt. Er sieht nicht, dass Büttner, den er vernichtet, ihm entkommt – ob durch Erfindung oder durch Dokumentation, bleibt offen.
Die Installation schließt mit einem Video. Fünf Minuten, keine Schnitte. Eine Hütte am Waldrand. Fichtenbestand. Petroleumlicht. Ein Mann sitzt an einem Tisch, der aus demselben Holz ist wie die Wände. Er liest. Er legt das Buch ab. Er greift zum Bleistift. Er schreibt. Die Kamera zeigt sein Gesicht nicht.
Darunter, in kleiner Schrift:
Wer lange genug redet, redet irgendwann mit Wänden. Das ist kein Versagen. Das ist Konsequenz.
ZETTEL 12.003. Querverbindung: keine.
Büttner: Die Kaltenbach Dokumente Wiesbadener Raum, Dotzheimer Straße 99 8. November 2025 – 2. Februar 2026 Eintritt frei. Führungen nach Vereinbarung.