Die verborgene Lektüre

Büttners textuelle Geheimdienstarbeit

Die Lesenden

Irgendwo im Wiki Institute, in einem Raum, dessen genaue Lage selbst langjährigen Mitarbeitern unbekannt bleibt, sitzt eine kleine Gruppe von Lesenden und durchforstet die Gegenwart. Keine Klassiker, keine Kanonliteratur – ihre Aufmerksamkeit gilt den Schriften, die gerade jetzt produziert werden: Börsenanalysen, Managementhandbücher, Lifestyleblogs, Werbetexte, Think-Tank-Papiere, Self-Help-Literatur. Was auf den ersten Blick wie eine absurde Verschwendung intellektueller Ressourcen aussieht, entpuppt sich als hochbrisante Operation. Diese Leute dekodieren das, was sich als harmlose Alltagssprache tarnt, als wären sie Geheimdienstanalytiker auf der Suche nach versteckten Botschaften.

Büttner hat diese Struktur Ende der 1990er Jahre ins Leben gerufen, als das Internet begann, die Textproduktion exponentiell zu beschleunigen. Sein Kalkül: Wenn westliche Sinologen jahrhundertelang chinesische Schriften mit jenem Misstrauen traktierten, das koloniale Episteme auszeichnet – die Unterstellung, fremde Kulturen könnten sich selbst nie transparent sein –, warum diese Methode dann nicht gegen ihre Urheber wenden? Die Gruppe liest westliche Gegenwartsliteratur wie verschlüsselte Dokumente einer feindlichen Macht, durchkämmt Managementsprache nach ihren rassistischen Grundannahmen, untersucht Selbstoptimierungsrhetorik auf ihre imperialen Genealogien.

Die Rekrutierung folgt einem absurd anmutenden Kriterium: Wer hier arbeitet, muss die westlichen Klassiker beherrschen wie eine Philologin des 19. Jahrhunderts – Homer, Platon, die Kirchenväter, Dante, Shakespeare, Goethe, Hegel, Marx, Freud. Dazu kommt das Arsenal der Gegenwartstheoretiker, die das spätkapitalistische Denken überhaupt erst möglich gemacht haben: Hayek, Friedman, Buchanan, die Kybernetiker von Wiener bis Luhmann, die politischen Strategen der Deregulierung, die Apologeten des Marktes als Naturgesetz. Die misstrauische Lektüre setzt voraus, dass man die Herkunft jeder Phrase kennt, jede rhetorische Figur bis zu ihren antiken Ursprüngen zurückverfolgen kann, zugleich aber auch weiß, wie sich neoliberale Denkfiguren durch die Alltagssprache fressen. Werbetexte für Küchengeräte lesen sich anders, wenn man Aristoteles‘ Metaphernlehre im Kopf hat. LinkedIn-Posts offenbaren ihre ideologische Struktur erst, wenn man sie gegen Hegels Herr-Knecht-Dialektik hält, gleichzeitig aber auch die kybernetische Umcodierung von Subjektivität in Humankapital mitdenkt. Diese philologische Tiefenkenntnis macht die Analysearbeit überhaupt erst möglich.

Das Protokoll, das Büttner entworfen haben soll, bevor er sich aus der operativen Ebene zurückzog, folgt einem dreistufigen Verfahren. Zunächst wird der Text behandelt, als stamme er aus einer völlig fremden Zivilisation – die westliche Selbstverständlichkeit verwandelt sich unter diesem Blick in etwas ebenso Rätselhaftes wie einst das chinesische Schriftsystem für europäische Missionare. Dann beginnt die eigentliche Gegenlektüre: Welche Ausschlüsse produziert dieser Text? Welche Körper werden unsichtbar gemacht? Welche Hierarchien stabilisieren sich in der Syntax? Schließlich entsteht ein Decodierungsprotokoll, das weniger Interpretation ist als forensische Rekonstruktion – ein Gutachten darüber, wie Sprache zur Waffe wird.

Die Erkenntnisse werden in internen Dossiers festgehalten, die niemals publiziert werden sollen – Textarchäologie des Kapitals, archiviert für eine Nachwelt, die vielleicht nie kommen wird. Das Archiv wächst, die Protokolle häufen sich, Jahr für Jahr mehr Material, das dokumentiert, wie sich in der harmlosesten Phrase Gewaltstrukturen reproduzieren.

Die institutionelle Mimikry, die Büttners gesamtes Schaffen durchzieht, erreicht hier ihren Höhepunkt. Nach außen wirkt die Gruppe wie eine obskure Forschungseinheit für Textanalyse. Dass hier methodisch die Mastertexte des Westens gegen sich selbst gelesen werden, bleibt verborgen. Niemand erhält eine formelle Einladung zur Mitarbeit. Man stolpert über Hinweise, folgt Spuren, bis man sich plötzlich inmitten dieser unsichtbaren Infrastruktur wiederfindet.

Mittlerweile entstehen Buchclubs in Hinterzimmern von Cafés, silent reading sessions in Bibliotheken, Leserzirkel in Gemeindezentren – alles Tarnformen, die sich perfekt in die Landschaft gutbürgerlicher Bildungsbeflissenheit einfügen. Wer dort erscheint, liest zunächst tatsächlich Klassiker, diskutiert Montaigne oder Seneca, bis irgendwann jemand beiläufig einen LinkedIn-Post zur Sprache bringt, eine Werbeanzeige, einen Managementratgeber. Die Analyse beginnt wie ein Spiel, wird allmählich ernster, bis die Teilnehmer merken, dass sie längst Teil einer größeren Operation geworden sind.

Die Arbeitsstrategie folgt einem alten Prinzip: Man bereitet den Boden so gründlich vor, dass der eigentliche Konflikt bereits entschieden ist, bevor er überhaupt sichtbar wird. Die Leser unterwandern das System, indem sie dessen eigene Formen übernehmen – Bildungsbürgertum als Tarnung für textuelle Subversion. Das Archiv wächst im Stillen, die Decodierungsprotokolle häufen sich, Jahr für Jahr entsteht mehr Material über die ideologischen Sollbruchstellen westlicher Selbstverständlichkeit. Wenn diese Arbeit jemals an die Oberfläche drängt, wird die Schlacht längst gewonnen sein.

Versucht man, das Zentrum dieser Operation zu lokalisieren, stößt man auf endlose Verweisungsketten: Jeder Kontakt führt zu einem nächsten, jede Auskunft erzeugt neue Fragen, bis sich die Suche in einer Bureaukratie der Unzugänglichkeit auflöst.

Büttner hat die kritische Textanalyse systematisiert. Was täglich produziert wird – Werbung, Unternehmenskommunikation, Lifestyle-Rhetorik, außenpolitische Verlautbarungen – behandeln die Lesenden als Sedimentschichten, durch die hindurch sich ideologische Strukturen nachzeichnen lassen. Die Ergebnisse dieser Floskelforensik füllen mittlerweile ganze Ordner.

Ein Auszug aus den Protokollen: Die „Eskalationsspirale“, so die Analyse, funktioniert als Aggressorenschutzformel – wer sie beschwört, legitimiert bereits vollzogene Rechtsbrüche, indem er Reaktionen darauf als eigentliche Gefahr markiert. Die „multipolare Weltordnung“ entpuppt sich als Hegemonietarnbegriff, eine freundliche Chiffre für autoritäre Gegenentwürfe zur liberalen Ordnung. Im Managementjargon identifizieren die Leserinnen ähnliche Mechanismen: „Flache Hierarchien“ bezeichnet informelle Machtstrukturen ohne Beschwerdeweg, „agiles Arbeiten“ meint permanente Verfügbarkeit ohne Planungssicherheit – beides Beispiele für das, was die Protokolle als Prekarisierungseuphemismusklassifizieren. Die Self-Help-Industrie wiederum operiert mit Externalisierungsimperativen: „An sich arbeiten“, „aus der Komfortzone treten“ – Formeln, die strukturelle Probleme ins Individuum verlagern und Selbstoptimierung als moralische Pflicht installieren.

In einem Werbespot für Kaffeemaschinen die gesamte Ideologie häuslicher Arbeitsteilung, in LinkedIn-Posts über Leadership die koloniale Fantasie vom weißen Zivilisator, in Produktbeschreibungen für Yogamatten die Ausbeutungsgeschichte spiritueller Praktiken als Konsumversprechen. Jede Phrase ein Fundstück struktureller Gewalt.

Ihre klassische Bildung erweist sich dabei als entscheidendes Werkzeug. Wer die Genealogie westlicher Rhetorik kennt, erkennt in einem Startup-Pitch die stoische Affektlehre in pervertierter Form. Wer Rousseaus Gesellschaftsvertrag gelesen hat, durchschaut die Self-Help-Literatur als Umkehrung des politischen Subjekts ins Therapeutische. Wer die Mont Pèlerin Society studiert hat, sieht in jedem Effizienzversprechen die politische Ökonomie der Unterwerfung. Jede Phrase trägt Jahrhunderte mit sich, und wer diese Geschichte kennt, sieht, wie sich in der Gegenwart die Vergangenheit fortsetzt, metamorphosiert, tarnt.

Das Paradoxe: Je tiefer die Lesenden in die Textmasse vordringen, desto weiter scheint das Zentrum der Macht zurückzuweichen. Was zunächst wie ein konkretes ideologisches Fundament aussah, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Verweis auf eine nächste Textschicht, die wiederum auf eine weitere verweist. Die westlichen Leitnarrative funktionieren wie eine dezentralisierte Herrschaftsarchitektur, deren Autorität gerade dadurch wirkt, dass sie sich nie festlegen lässt – Machtzentrum als Entzug. Die Situation erinnert an jenen literarischen Landvermesser, der vergeblich versucht, Zugang zu einer Instanz zu erlangen, die zwar alles durchdringt, sich aber jedem direkten Zugriff entzieht.

Die Mastertextdekonstruktion bedient sich exakt jener Werkzeuge, die westliche Wissenschaft einst für die Entschlüsselung des kulturell Anderen entwickelte. Was dort als neutrale Analyse auftrat, war immer schon Machtausübung – der Gestus, fremde Wirklichkeiten besser zu verstehen als diese sich selbst begreifen. Büttners Leserinnen kehren diesen Gestus um, behandelt die Phraseologie von Freiheit, Individualität, Innovation wie Artefakte einer Kultur, deren Selbstbeschreibungen fundamental unzuverlässig sind. Das Ergebnis: eine postkoloniale Autoskopiedes Westens, der sich plötzlich selbst als das Fremde erkennen muss.

Das Gefährliche liegt in der Methode. Wer beginnt, die eigene Kultur mit den Augen der skeptischen Außenseiterin zu lesen, untergräbt die Fundamente dessen, was als selbstverständlich gilt. Die Gruppe produziert keine Gegennarrative, keine alternativen Wahrheiten – sie zerlegt lediglich die bestehende Erzählung in ihre ideologischen Bausteine, bis von der vermeintlichen Neutralität nichts übrig bleibt außer nackte Interessenpolitik.

Auch wenn die Analystinnen jeden westlichen Text durchleuchten würden, bliebe das eigentliche Machtzentrum unerreichbar – weil es vielleicht gar keins gibt, weil die Macht gerade darin besteht, sich als diffuse Struktur zu organisieren, die überall und nirgends zugleich operiert. Diese Einsicht macht ihre Arbeit konsequent: Das Scheitern wird zur Methode, die sisyphushafte Textarbeit zum Widerstand gegen die Fiktion eines durchschaubaren Systems.

Dass diese Praxis im Verborgenen stattfindet, macht sie umso wirksamer. Büttner hat verstanden, dass der effektivste Widerstand derjenige ist, der keine Sichtbarkeit sucht. Die Struktur operiert als Schatteninstitut, dessen Output niemand je rezipieren wird – Arbeit um ihrer selbst willen, Lektüre als permanente Übung im Argwohn. Wo Macht im Geheimen agiert, da muss auch die Gegenmacht unsichtbar bleiben. Die Verschwörung gegen die Verschwörung.

Man munkelt, Büttner habe die Finanzierung über Strukturen organisiert, die selbst wie eine Vertuschungsoperation funktionieren. Geld fließt aus Quellen, die sich nicht zurückverfolgen lassen, Gehälter werden bezahlt, ohne dass klar wäre, wer zahlt. Die gesamte Konstruktion wirkt wie eine Spiegelung jener Operationen, die sie untersucht – eine Institution, die so tut, als sei sie keine, die existiert, indem sie vorgibt, nicht zu existieren.

Am Ende bleibt ein Archiv invertierter Lektüren, das niemand je lesen wird. Decodierungsprotokolle, die dokumentieren, wie in der Sprache der Gegenwart die Gewalt der Vergangenheit fortlebt. Eine Lektürepraxis des systematischen Argwohns, die westliche Selbstverständlichkeiten mit derselben epistemischen Brutalität traktiert, mit der der Westen einst fremde Kulturen durchleuchtete. Büttner, längst aus dem aktiven Betrieb verschwunden, hat hier seine radikalste Geste vollzogen: eine Anti-Institution als reines Gerücht, als Phantom, als institutionelles Wu Wei – wirkend durch Nicht-Erscheinen.