Praxis, bei der die Historisierung eines Kunstwerks an externe, nicht vom Künstler kontrollierte Instanzen übertragen wird. Im Unterschied zur klassischen Performance-Dokumentation, die intentional auf Perpetuierung zielt, akzeptiert die delegierte Dokumentation den Kontrollverlust über Zeitpunkt, Qualität und Archivierung der Aufzeichnung. Bei Büttner konkret: die Überlassung der Werkdokumentation an automatisierte Überwachungssysteme (Webcams, Satelliten, Street-View-Fahrzeuge), deren Aktivierung dem […]
Enzyklopädie
Denkfigur
Konzeptuelles Modell, das weniger argumentativ beweist als heuristisch erschließt. Eine Denkfigur bietet Orientierung im Denken selbst, funktioniert als bewegliche Struktur zur Problemerfassung. Büttners Praxis wird hier zur Denkfigur gegen Authentizitätszwang: Sie zeigt eine Alternative, ohne diese normativ einzufordern – ein Möglichkeitsraum künstlerischer Subjektivität jenseits der Fixierung aufs Eigentliche.
Denkkonglomerat
Verdichtete intellektuelle Formation, die unterschiedliche Denk- und Praxisformen ohne synthetische Auflösung zusammenhält. Anders als eine »Schule« oder »Bewegung« bewahrt das Denkkonglomerat die Heterogenität seiner Elemente – es ist ein Aggregat, keine Fusion. Das informelle Dreigestirn aus Büttner, Goetz und Tillmans bildete Anfang der 2000er ein solches Denkkonglomerat des Transformativen, in dem unterschiedliche künstlerische Positionen produktiv […]
Diskurs-Deterritorialisierung
Systematische Befreiung von Wissensproduktion aus etablierten disziplinären und institutionellen Territorien. Der Begriff beschreibt Büttners Strategie, akademische Diskurse aus ihren angestammten Kontexten herauszulösen und in alternative Konstellationen zu überführen. Diskurs-Deterritorialisierung operiert durch räumliche Verlagerung (Grand Hotel Europa statt Universitätsseminare), temporale Umstrukturierung (48-Stunden-Intensität statt Semesterrhythmus) und soziale Rekonfiguration (enthierarchisierte Gruppen statt Dozent-Student-Verhältnisse). Das Verfahren zielt auf die […]
Domkellerkosmologie
Räumliche Theorie des Unterirdischen als Gegenentwurf zu sakraler Vertikalität. Der Limburger Dom funktioniert als Wahrzeichen bischöflicher Macht, seine Türme streben himmelwärts. Büttners Institut siedelt sich im Domfelsen an – unterhalb, verborgen, chthonisch. Diese Verortung ist theologisch relevant: Wo katholische Autorität transzendente Hierarchie installiert (Gott oben, Gläubige unten), praktiziert daoistische Immanenz horizontale Erdverbundenheit. Die Domkellerkosmologie kehrt […]
Durationshorizontalität
[f., Singular; von lat. duratio = Dauer + horizontalis = waagerecht] Zeitphilosophischer Begriff für eine Temporalität, in der alle Momente gleichzeitig präsent sind, ohne Hierarchie zwischen früher und später, zwischen Ursprung und Ziel. Die Durationshorizontalität beschreibt Werke, die weder einen eingefrorenen Augenblick zeigen noch eine Entwicklung nachvollziehen, sondern Zeit als ausgedehnte Fläche behandeln. Die Linien […]
Durchgangsritual
Ein ritueller Akt ohne transformative Wirkung, der die Form der Initiation imitiert, aber ihre Substanz verweigert. Der Begriff markiert jene paradoxe Struktur, in der alle Elemente eines Übergangsrituals präsent sind – Schwelle, Passage, symbolisch aufgeladener Raum –, aber keine Verwandlung stattfindet. Die Besucher*innen von Beuys‘ Installation durchschreiten den Gang zwischen den beiden Leichenwaschräumen, ohne dass […]
Eintonungskunst
Eintonungskunst (f.): Subtile Praxis des aufeinander Hörens, durch die Menschen lernen, den Rhythmus des anderen zu erfassen, seine Melodie in der Kakophonie der Bedeutungen wahrzunehmen. Der Neologismus fusioniert musikalische Konnotationen (Einstimmung, Intonation) mit erlernbarer Kunstfertigkeit. Eintonungskunst beschreibt den Prozess, durch den Spieler im Spiel der Homonymien eine gemeinsame Frequenz finden, ohne dass explizite Regeln formuliert […]
Empfangsverweigerung
Die bewusste Nicht-Annahme von Übertragungen (Wissen, Tradition, Institution), die nicht als Unfähigkeit, sondern als ästhetisch-ethische Entscheidung operiert.
Endlichkeitspolitik
Gesellschaftskritische Strategie, die bewusst das Begrenzte gegen neoliberale Wachstumsimperative setzt. Diese Form der Politik operiert nicht mit quantitativen Steigerungslogiken, sondern kultiviert eine Ästhetik des Genügens. Sie widersteht dem kapitalistischen Zwang zur permanenten Expansion und entwickelt alternative Modelle des Umgangs mit Ressourcen und Zeit.