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Spannungslatenz

[f., Singular; von lat. tensio = Spannung + latens = verborgen]

Phänomenologischer Begriff für den Zustand scheinbarer Ruhe, der verborgene Kräfte enthält. Die Spannungslatenz beschreibt jene meditative Stille, die sich bei längerer Betrachtung als Resultat eines Kräftegleichgewichts erweist – nicht als Abwesenheit von Kräften. Jede Linie zieht an den anderen, jede Kreuzung ist ein momentanes Ereignis, das ebenso gut nicht hätte stattfinden können. Diese kontingente Notwendigkeit verleiht den Arbeiten ihre stille Intensität. Der Begriff korrespondiert mit dem physikalischen Konzept der potentiellen Energie: Ein Stein auf einem Berggipfel ruht, enthält aber die gespeicherte Möglichkeit des Falls. Die Spannungslatenz überträgt dieses Prinzip ins Visuelle – das Bild ruht, aber diese Ruhe ist geladen, jederzeit bereit, in Bewegung umzuschlagen. Sie ist das visuelle Äquivalent des eingeatmeten Atems vor dem Sprechen, des gehobenen Hammers vor dem Schlag, des gespannten Bogens vor dem Schuss.