Streaming media muss zur Waffe werden

Streaming media muss zur Waffe werden — Ein Vierteljahrhundert später

Über den Strukturwandel der Öffentlichkeit zwischen Netzkunst-Utopie und algorithmischer Sozialmaschine

Im November 2001, auf der interfiction VIII in Kassel, formulierte Sascha Büttner einen kurzen, prägnanten Text über Streaming Media. Der Text war, wie sein Untertitel versprach: assoziativ, ungenau, provokant, unausgegoren. Er endete mit einer Prioritätenliste für Netzkünstler: Tod des Autors, temporäre Intervention, Kunst ohne Werk, Auflösung des Sender/Empfänger-Modells. Ein Vierteljahrhundert später, im Februar 2025, veröffentlicht die Bundeszentrale für politische Bildung ein umfangreiches Online-Dossier unter dem Titel „Streaming — Medien und Öffentlichkeit im Wandel“. Zwischen diesen beiden Dokumenten liegt nicht einfach eine Zeitspanne. Zwischen ihnen liegt die vollständige Transformation dessen, was wir unter Öffentlichkeit, Medien und Partizipation verstehen. Und die Frage, die sich bei einer parallelen Lektüre aufdrängt, ist nicht, ob Büttners Text veraltet ist — sondern warum seine Forderungen so präzise das bezeichnen, was nicht eingetreten ist.

Büttner schrieb 2001, dass Streaming Media der Ausstellungssituation entspreche, „in der es nur Sender und Empfänger gibt, in festen Rollen und vom Künstler vorgegeben“. Das war eine Kritik, die sich direkt gegen die damalige Euphorie richtete, das World Wide Web sei ein emanzipatorisches Medium. Büttner sah klarer als viele seiner Zeitgenossen: Die bloße Verlagerung der Kunstproduktion ins Netz reproduzierte die Hierarchien des Betriebssystems Kunst. Ein „offener Kanal“ im WWW, so Büttner, würde ihn „ziemlich ankotzen“. Die Frage, die er stattdessen stellte, war radikaler: „Wie können wir das im Sinne einer Kommunikationsguerilla nutzen?“

Nimmt man diese Frage ernst und legt sie neben das bpb-Dossier von 2025, wird eine erschreckende Symmetrie sichtbar. Das Dossier beschreibt — mit dem Instrumentarium der politischen Bildung, in der Sprache institutioneller Analyse — exakt jene Verfestigung der Sender/Empfänger-Rollen, die Büttner vorhergesagt hatte. Nur dass die Sender heute nicht mehr Künstler sind, sondern Plattformkonzerne, und die Empfänger nicht mehr ein Galeriegänger, sondern Milliarden von Nutzern, deren Aufmerksamkeit algorithmisch verwaltet wird.

Das bpb-Dossier entfaltet seinen Gegenstand in mehreren Schichten. Die erste handelt davon, wie Streaming den Fernsehalltag transformiert hat: „Vom Marathon-Serienabend bis zum viralen Doku-Hype“ — Streaming ist allgegenwärtig, individualisiert, und erzeugt dabei eine paradoxe Situation, die in einem der Beiträge treffend als „Alle für sich und doch alle zugleich?“ zusammengefasst wird. Die zweite Schicht betrifft die Marktlogik: Plattformen konkurrieren um Zielgruppen, Geschäftsmodelle verändern sich, die Fassade des werbefreien, hochwertigen Streamings „bröckelt“, wie es im Dossier heißt — Inhalte werden standardisiert, Plattformen fusionieren zu Superportalen, die Werbung kehrt zurück. Die dritte Schicht, und die für unseren Zusammenhang entscheidende, betrifft die Frage der Öffentlichkeit: Welche Themen geraten in den Fokus, welche bleiben unsichtbar? Was bedeutet es, wenn Datenanalysen des Nutzungsverhaltens Produktionsentscheidungen beeinflussen? Wenn Menschen ihre Welt „vermehrt über Serien, Dokus oder Social-Media-Formate verstehen“?

Büttner hatte 2001 eine bemerkenswert nüchterne Einschätzung formuliert: „Soweit ich unterrichtet bin, haben technische Neuerungen noch nie den Menschen vom Joch der Unterdrückung befreit.“ Das war kein Technikpessimismus — es war eine materialistische Grundhaltung, die sich weigerte, in der bloßen Verfügbarkeit eines Mediums bereits dessen emanzipatorisches Potential zu sehen. Er verlangte stattdessen eine Klärung der Absicht: „Wenn wir über streaming media reden wollen, müssen wir uns ersteinmal klar darüber werden, was wir wollen und ob es uns wirklich um die Veränderung der Gesellschaft geht.“

Diese Forderung nach Intentionalität ist das genaue Gegenteil dessen, was die Streaming-Ökonomie hervorgebracht hat. Die Plattformen wollen nichts verändern — sie wollen Engagement maximieren. Die Algorithmen haben keine Absicht — sie haben Zielfunktionen. Und die Nutzer? Das bpb-Dossier beschreibt sie als „flexibel, individuell, überfordert“ — gefangen in einer Entscheidungsfreiheit, die keine ist, weil die Optionen bereits kuratiert sind, bevor die Wahl getroffen wird.

Otfried Jarren und Ulrike Klinger haben in ihren Arbeiten zur Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter darauf hingewiesen, dass Kommunikationsbeziehungen nicht mehr dyadisch (Sender-Empfänger), sondern triadisch geworden sind: Sender-Empfänger-Dritte. Die Dritten, das sind die Plattformen selbst, die jede Kommunikation mitlesen, auswerten, monetarisieren. Was Büttner 2001 als das Sender/Empfänger-Modell kritisierte und auflösen wollte, hat sich nicht aufgelöst — es hat sich um eine dritte Instanz erweitert, die mächtiger ist als Sender und Empfänger zusammen.

Büttner schrieb: „Nehmen wir davon Abschied im www die Möglichkeit eines (wirklich) freien Mediums zu sehen. Das war so nie und es wird auch nicht sein.“ Auch das war 2001 eine unbequeme Position. Die Netzkunst-Szene, die sich auf der interfiction traf, oszillierte zwischen Utopie und Intervention. Büttner entschied sich für einen dritten Weg: Er akzeptierte die Unmöglichkeit des freien Mediums und schlug vor, sich in „Nischen“ einzurichten — ein Begriff, den er selbst mit einem Fragezeichen versah: „t.a.z.en?“, in Anspielung auf Hakim Beys Temporäre Autonome Zonen. In diesen Nischen, so Büttner, sollte man „den Tod des Autors zelebrieren“ und die weltweite Vernetzung vorantreiben.

Das bpb-Dossier beschreibt — ohne es so zu nennen — die vollständige Kolonialisierung dieser Nischen. Streaming-Plattformen haben die letzten Freiräume des Bewegtbilds absorbiert. Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender, die als demokratisches Korrektiv gedacht waren, müssen nun mit Netflix und Amazon um die Aufmerksamkeit junger Zielgruppen konkurrieren. Die Serien, die einst als künstlerische Freiräume galten — HBO, die „goldene Ära“ — werden zunehmend nach algorithmischen Mustern produziert. Selbst das Meme, jene anarchische Form der Aneignung, die Büttner vermutlich als gelungene Intervention begrüßt hätte, ist längst in die Verwertungslogik der Plattformen integriert: „Vom Bildschirm zum Meme“ heißt ein Beitrag im Dossier, und er beschreibt, wie wir alle „zu Sendern werden“ — aber eben zu Sendern innerhalb einer Infrastruktur, die wir weder besitzen noch kontrollieren.

Die vielleicht schärfste Pointe ergibt sich aus dem Vergleich zweier Sätze. Büttner 2001: „Streaming media muss zur Waffe werden.“ Das bpb-Dossier 2025: „Es spiegelt gesellschaftliche Debatten, prägt Identitäten und erzeugt neue Öffentlichkeiten.“ Der Unterschied ist nicht nur einer des Tons — es ist ein Unterschied der Haltung. Büttner verlangt Handlungsfähigkeit; das Dossier beschreibt Wirkungen. Büttner denkt vom Subjekt her, das handeln will; das Dossier denkt vom System her, das auf das Subjekt einwirkt. Beide haben auf ihre Weise recht. Aber die Frage ist, ob die Sprache der Analyse — so notwendig sie ist — nicht auch eine Sprache der Resignation sein kann.

Das bpb-Dossier leistet wichtige Arbeit: Es macht die Mechanismen der Streaming-Ökonomie sichtbar, es stellt Fragen nach Repräsentation und Macht, es fordert Medienkompetenz und kritische Reflexion. Es widmet sich der queeren Sichtbarkeit ebenso wie dem Gesellschaftsbild des Reality-TV, den politischen Serien ebenso wie der Geschichtsvermittlung on Demand. Es ist, kurz gesagt, ein Dokument der institutionellen Vernunft.

Was es nicht tut — was es seiner Natur nach nicht tun kann — ist, die Frage zu stellen, die Büttner 2001 stellte: „Ob es uns wirklich um die Veränderung der Gesellschaft geht.“ Das ist keine Kritik am Dossier. Es ist eine Beobachtung über die Verschiebung des Diskurses. In fünfundzwanzig Jahren sind wir von der Forderung nach Kommunikationsguerilla zur Vermittlung von Medienkompetenz gelangt. Von der Auflösung des Sender/Empfänger-Modells zur Analyse seiner algorithmischen Verfeinerung. Vom Tod des Autors zur datengetriebenen Optimierung der Autorenschaft.

Büttner formulierte 2001 fünf Prioritäten für die Netzkunst: Tod des Autors, temporäre Intervention, Kunst ohne Werk, soziale und politische Handlung, Auflösung des Sender/Empfänger-Modells. Man kann diese Liste als historisches Dokument lesen, als Zeitzeugnis einer Epoche, in der das Netz noch als Kampfplatz und nicht als Marktplatz verstanden wurde. Man kann sie aber auch als Prüfstein verwenden, an dem sich die Gegenwart messen lassen muss.

Der Tod des Autors? Die Plattformen haben ihn technisch vollzogen — jeder kann „Content Creator“ werden — und zugleich ökonomisch rückgängig gemacht: Die Personal Brand ist das genaue Gegenteil des Autorschaftstods. Temporäre Intervention? Stories, Reels und TikToks sind radikal temporär — aber ihre Flüchtigkeit dient nicht der subversiven Taktik, sondern dem Engagement-Zyklus. Kunst ohne Werk? Der Algorithmus honoriert Produktivität, nicht Verweigerung. Soziale und politische Handlung? Das bpb-Dossier zeigt, wie Streaming politische Debatten „spiegelt“ — aber spiegeln ist nicht handeln. Auflösung des Sender/Empfänger-Modells? Wie gezeigt: Das Modell hat sich nicht aufgelöst, sondern um die Instanz der algorithmischen Vermittlung erweitert.

Was bleibt? Vielleicht dies: Büttners Text von 2001 ist nicht gescheitert, weil seine Forderungen falsch waren — sondern weil sie richtig waren und nicht eingelöst wurden. Die Netzkunst hat die Gesellschaft nicht verändert. Das Streaming hat sie auch nicht verändert — es hat sie konfiguriert. Und zwischen Verändern und Konfigurieren liegt der gesamte Unterschied zwischen Politik und Verwaltung, zwischen Handlung und Anpassung.

Das bpb-Dossier fordert am Ende „Perspektiven für politische Bildung“ und mahnt, Plattformen müssten reflektiert werden, ihre „digitalen Umgebungen“ verstanden, ihre „Herausforderungen“ erkannt. Das ist richtig und notwendig. Aber es reicht nicht. Büttner schrieb 2001: „Für die Einführung linker Diskurs- und Argumentationsmuster im Kunstdiskurs! Und das nicht nur sonntags.“ Man muss diesen Satz heute nicht wörtlich nehmen. Aber man sollte seine Dringlichkeit ernst nehmen: Die Frage ist nicht nur, wie wir Streaming verstehen — sondern was wir mit diesem Verstehen anfangen.

Solange die Analyse der algorithmischen Sozialmaschine nicht in eine Praxis der Unterbrechung mündet, solange Medienkompetenz „Verstehen“ meint statt „Eingreifen“, solange die politische Bildung über Plattformen aufklärt, anstatt Alternativen zu ihnen zu schaffen — solange wird Büttners Forderung von 2001 eine offene Rechnung bleiben. Streaming media muss zur Waffe werden. Die Waffe wurde nie geschmiedet. Die Frage ist, ob es dafür zu spät ist — oder ob die Nischen, die temporären autonomen Zonen des Digitalen, noch zu finden sind. Irgendwo zwischen dem Algorithmus und dem Abspann, zwischen dem Meme und dem Manifest.

Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung (2025): „Streaming — Medien und Öffentlichkeit im Wandel“. Online-Dossier, bpb.de.

Büttner, Sascha (2001): „Gedanken zu ‚streaming media‘ | assoziativ | ungenau | provokant | unausgegoren“. In: interfiction VIII — multifiction://intershop, Kassel.