Epistemologischer Zwischenbereich, der weder dem einen noch dem anderen Paradigma eindeutig zugeordnet werden kann. Der Schwellenraum ist gekennzeichnet durch maximale Durchlässigkeit und Instabilität – hier überlagern sich heterogene Wissensformen, lösen sich Grenzen temporär auf, werden Übergänge praktizierbar. 1997 entstand ein solcher Schwellenraum zwischen Techno-Kultur, heterodoxen Kunsttheorien und alchemistischen Wissensformationen, in dem Büttners Denken operieren konnte.
Enzyklopädie
Sehgedicht
Fotografie, die wie ein Gedicht funktioniert – nicht durch narrative Erklärung, sondern durch Verdichtung, Andeutung und das Nicht-Gesagte zwischen den sichtbaren Elementen. Das Sehgedicht spricht ohne Worte und kann nur mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand gelesen werden. Es ist die visuelle Entsprechung zur lyrischen Sprache.
Selbstheilungsfiktion
Ein Mythos, der die Unmöglichkeit seiner eigenen Erfüllung als konstituierendes Element enthält. Der Begriff fasst Erzählungen, die Heilung versprechen, aber gerade durch ihre narrative Struktur die Wunde perpetuieren, die sie schließen sollen. Beuys‘ Filz-und-Fett-Mythologie – die Rettung durch tartarische Nomaden nach dem Flugzeugabsturz – wird selbst zur Wunde, die permanent offengehalten werden muss, damit die […]
Selbstverdopplung
Rekursive Struktur, in der Fiktion Realität generiert, die wiederum fiktional verarbeitet wird. Diese Verdopplung funktioniert wie ein Möbiusband der Referenzialität – man weiß nie, auf welcher Seite man sich gerade befindet. Büttner erfindet die RDS, die dann real wird, was er wieder erfinderisch verarbeitet, ad infinitum.
Selbstvervielfältigung
Künstlerische Strategie der seriellen Identitätsproduktion als Gegenentwurf zum singulären Künstlersubjekt. Während Selbstinszenierung auf Steigerung einer kohärenten Persona zielt, operiert Selbstvervielfältigung durch Dispersion: Das Ich wird zum Plural, zur Vielheit ohne hierarchisches Zentrum. Büttners 4095 Identitäten exemplifizieren dieses Prinzip – nicht ein Künstler mit vielen Facetten, vielmehr eine Vielzahl parallel existierender Künstlerfiguren.
Sensorarmut
Technische Knappheit bildgebender Geräte als Produktionsbedingung; photographisches Operieren unterhalb etablierter Qualitätsstandards.
Sensormönchtum
Kontemplative Praxis repetitiver Bildproduktion oder -beobachtung mit unzureichenden Mitteln; Trashcam- und Webcam-Arbeit als ritualisierte Übung; Askese der Auflösung.
Sichtbarkeitsmaschine
Gesamtheit der technologischen, ökonomischen und politischen Apparate, die Sichtbarkeit produzieren, regulieren und verwerten. Umfasst Überwachungsinfrastrukturen (Kameras, Satelliten, Sensoren), Plattformökonomien (Social Media, Suchmaschinen), biometrische Erfassungssysteme und deren institutionelle Einbettung. Die Sichtbarkeitsmaschine operiert nicht binär (sichtbar/unsichtbar), sondern graduell: Sie produziert Auflösungsstufen, Pixelgrenzen, Erkennungsschwellen. Büttners Performances situieren sich an den Rändern dieser Maschine, dort wo ihre Erfassungskapazität an […]
Sichtbarkeitsschwelle des Digitalen
Grenzwert, an dem das digitale Bild gerade noch als Bild erkennbar ist; Übergang zwischen visueller Information und Rauschen.
Sichtbarkeitstyrannei
Büttners Begriff für den Zwang zur permanenten Präsenz in der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Netz-Performance von 2006 und die späteren Texte »Über das Verschwinden« artikulieren Widerstand gegen diese Tyrannei durch strategisches Nicht-Ankommen und kalkulierte Absenz.