Künstlerische Strategie der seriellen Identitätsproduktion als Gegenentwurf zum singulären Künstlersubjekt. Während Selbstinszenierung auf Steigerung einer kohärenten Persona zielt, operiert Selbstvervielfältigung durch Dispersion: Das Ich wird zum Plural, zur Vielheit ohne hierarchisches Zentrum. Büttners 4095 Identitäten exemplifizieren dieses Prinzip – nicht ein Künstler mit vielen Facetten, vielmehr eine Vielzahl parallel existierender Künstlerfiguren.
Enzyklopädie
Selbstverzeichnung
Anlage eines Verzeichnisses der eigenen Person und Werke durch den Künstler, bei der das Verzeichnen in doppeltem Sinn wirkt: als Katalogisierung und als optische Verzerrung. Die Selbstverzeichnung nimmt Werkverzeichnis, Biografie und Provenienz vorweg und legt dabei deren Beglaubigungsmechanismen offen.
Sensorarmut
Technische Knappheit bildgebender Geräte als Produktionsbedingung; photographisches Operieren unterhalb etablierter Qualitätsstandards.
Sensormönchtum
Kontemplative Praxis repetitiver Bildproduktion oder -beobachtung mit unzureichenden Mitteln; Trashcam- und Webcam-Arbeit als ritualisierte Übung; Askese der Auflösung.
Sichtbarkeitsmaschine
Gesamtheit der technologischen, ökonomischen und politischen Apparate, die Sichtbarkeit produzieren, regulieren und verwerten. Umfasst Überwachungsinfrastrukturen (Kameras, Satelliten, Sensoren), Plattformökonomien (Social Media, Suchmaschinen), biometrische Erfassungssysteme und deren institutionelle Einbettung. Die Sichtbarkeitsmaschine operiert nicht binär (sichtbar/unsichtbar), sondern graduell: Sie produziert Auflösungsstufen, Pixelgrenzen, Erkennungsschwellen. Büttners Performances situieren sich an den Rändern dieser Maschine, dort wo ihre Erfassungskapazität an […]
Sichtbarkeitsschwelle des Digitalen
Grenzwert, an dem das digitale Bild gerade noch als Bild erkennbar ist; Übergang zwischen visueller Information und Rauschen.
Sichtbarkeitstyrannei
Büttners Begriff für den Zwang zur permanenten Präsenz in der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Netz-Performance von 2006 und die späteren Texte »Über das Verschwinden« artikulieren Widerstand gegen diese Tyrannei durch strategisches Nicht-Ankommen und kalkulierte Absenz.
Signaturlosigkeit
Programmatische Strategie der Post-Autorialität, die Künstleridentität als manipulierbares Betriebssystem begreift. Büttners Spiel mit Pseudonymen und falschen Zuschreibungen schafft Autorschaft als leere Kategorie – funktional gerade durch ihre Unbestimmbarkeit. Signaturlosigkeit ermöglicht diskursive Mobilität jenseits institutioneller Fixierung, hackt die Brand-Logik des Kunstmarkts durch systematische Tarnung. Was nicht eindeutig zugeordnet werden kann, entzieht sich der Vereinnahmung, bleibt verfügbar […]
Sisyphushafte Textarbeit
Lektürepraxis, die weiß, dass das eigentliche Machtzentrum unerreichbar bleibt, weil es vielleicht gar keins gibt. Das Scheitern wird zur Methode, die endlose Arbeit zum Widerstand gegen die Fiktion eines durchschaubaren Systems. Die Arbeit geschieht dennoch, gerade weil sie nie abgeschlossen werden kann.
Somatoepisteme
Körperbasiertes Wissen, das durch leibliche Vollzüge statt diskursive Reflexion erschlossen wird. Diese Episteme anerkennt den Körper als eigenständiges Erkenntnismedium mit spezifischen Zugängen zur Welt. Taijiquan praktiziert solche somatische Epistemologie – die langsamen Bewegungen generieren Wissen über Energieflüsse, Gleichgewichte, Spannungen, das begrifflich nicht fassbar wird. Büttners jahrzehntelange Praxis etabliert eine körperliche Intelligenz, die seine künstlerischen Entscheidungen […]