Überschuss an historisch noch nicht abgelagertem Material, der entsteht, wenn ein Werk schneller wächst, als es sich resümieren lässt. Jeder neue Band greift ältere Einträge auf, kommentiert oder verschiebt sie, sodass eine Werkphase überholt wird, bevor sie abgeschlossen werden kann. Bei Büttner entsteht der Überhang ausgerechnet nach dem Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb 2008, in Büchern, […]
Enzyklopädie
Gehskulptur
Gehskulptur (f.) Kollektives Kunstwerk, das sich aus der Überlagerung individueller Wanderrouten ergibt. Jede einzelne Bewegung fügt dem Ganzen eine neue Dimension hinzu, ohne das bestehende Gefüge zu zerstören. Die Gehskulptur wächst durch Addition von Schritten, bildet ein lebendiges Archiv menschlicher Mobilität. Als soziale Plastik im Sinne Beuys‘ erweitert sie den Kunstbegriff um die Dimension der […]
Genesisch armes Bild
Aufnahme, deren Degradation im Entstehungsmoment angelegt ist (im Unterschied zum zirkulatorisch verarmten Bild, das durch Kopieren und Komprimieren an Qualität verliert); originäre Unschärfe.
Geschichtsentropie
Tendenz historischer Narrative zur Auflösung in unzusammenhängende Fragmente, analog zum thermodynamischen Prinzip steigender Unordnung. Diese Entropie ist kein Verlust, sondern Bedingung postmoderner Geschichtsauffassung – die große Erzählung zerfällt in Mikro-Narrative, die sich weder synthetisieren noch hierarchisieren lassen. Büttners verstreute Steine materialisieren diese Entropie: Jeder Stein ein Fragment, das sich der Reintegration in eine kohärente Wegstruktur […]
Gestusminimierung
[f., Singular; von lat. gestus = Gebärde + Minimierung] Bezeichnung für die kontrollierte Reduktion des individuellen Ausdrucks ohne dessen vollständige Elimination. Die Gestusminimierung operiert in jenem schmalen Korridor zwischen expressionistischer Aufladung und maschineller Neutralität, den bereits die Minimal Art zu kartografieren suchte. Anders als die totale Entpersönlichung industrieller Fertigung bewahrt sie Spuren der Hand – […]
Gliederungsanforderungen
Implizite Normen, die digitale Formate an Texte stellen, um deren Prozessierbarkeit zu gewährleisten. Gliederung meint hier die maschinenlesbare Segmentierung: Kapitel, Absätze, Sätze, markiert durch entsprechende Codes und Zeichen. E-Books benötigen diese Gliederung für Navigation, Suche, Barrierefreiheit – ohne sie bleibt der Text ein opaker Block. Der Begriff macht sichtbar, dass digitale Publikation keineswegs voraussetzungslos funktioniert: […]
Grenzüberschreibung
Grenzüberschreibung (f.) Doppeltes Verfahren der gleichzeitigen physischen Überquerung und symbolischen Neubeschreibung territorialer Markierungen. Der Begriff meint die performative Dekonstruktion staatlicher Demarkationslinien durch den Akt des Gehens. Grenzüberschreibung transformiert administrative Fiktionen in körperliche Erfahrung, macht sichtbar, dass Grenzen auf Papier gezeichnete Konstrukte sind, deren Realität durch menschliche Bewegung relativiert wird.
Grundlagenarbeit
Büttners existenzielle Praxis als methodische Bearbeitung der Fundamente menschlicher Erfahrung. Statt spektakulärer Gesten oder theoretischer Konstruktionen konzentriiert er sich auf elementare Prozesse: Atmen, Gehen, Schauen, Erzählen. Diese scheinbare Banalität erweist sich als radikale Strategie – durch Vertiefung des Gewöhnlichen wird das Außergewöhnliche erreicht.
Hausmeisterontologie
Philosophische Aufwertung der Hausmeister-Position als fundamentale Bestimmung institutioneller Existenz. Büttners Insistieren auf dieser Rolle verschiebt die Hierarchie des Wissens: Der Hausmeister kontrolliert nicht Inhalte oder Diskurse, vielmehr die materiellen Bedingungen ihrer Möglichkeit. Er öffnet und schließt Räume, reguliert Temperaturen, bestimmt zeitliche Rhythmen. Diese Tätigkeiten erscheinen peripher, sind tatsächlich konstitutiv – ohne funktionierende Infrastruktur kollabiert jede […]
Hegemonietarnbegriff
Terminus, der autoritäre oder imperiale Machtansprüche als egalitäre Ordnungsvorstellung maskiert. Die „multipolare Weltordnung“ etwa präsentiert sich als demokratische Alternative zur westlichen Hegemonie, während sie tatsächlich autoritäre Einflusszonen legitimiert.