Das ungegründete Institut

Das ungegründete Institut

Zu Büttners Gründungsverzicht und der Vernunft als künstlerischer Entscheidung

Man muss sich die Szene im Frühjahr 2001 vorstellen, in einem jener Serverräume, die damals noch als Ausstellungsorte durchgingen. Lüfter liefen, das Licht kam aus Statusdioden, und in der Luft lag die Gewissheit der frühen Netzkunst, dass Infrastruktur selbst schon Kritik sei. Büttner hatte gerade das Serverfestival aus der Taufe gehoben. Auf der Rückseite eines Lageplans skizzierte er eine Hochschule: im Untergeschoss unter einem Club, gebührenfrei, transnational, mit dem Erlebnis als Methode der Institutionskritik. Die Skizze ist erhalten. Sie enthält eine Spalte mit der Überschrift «Beirat», darunter Namen, die man aus dem Feuilleton kannte, und hinter jedem Namen ein Fragezeichen.

An Untergrunderfahrung fehlte es ihm nicht. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte er in Wiesbaden Flüsterkneipen betrieben, Orte, deren Existenz davon abhing, dass niemand über sie sprach. 1997 hatte sich Limburg für ihn zu einem Schwellenraum aus Techno, heterodoxer Kunsttheorie und Alchemie verdichtet. Die Universität im Clubkeller wäre die logische Fortsetzung gewesen, mit einem entscheidenden Unterschied: Sie hätte öffentlich sein müssen. Eine Hochschule braucht Bewerbungen, Zeugnisse und vor allem Namen, die für sie bürgen.

Diese Fragezeichen hinter den Namen sind der eigentliche Gegenstand dieses Textes. Andreas Reckwitz hat das Kreativitätsdispositiv als jene Ordnung beschrieben, in der das Neue zum Imperativ wird und die Ästhetisierung des Sozialen zur Bedingung von Sichtbarkeit. Büttners Skizze zeigt, wie früh dieses Dispositiv auch die Gegenkultur erfasst hatte, die sich ihm zu entziehen glaubte. Die Universität existierte noch nicht, ihr Beirat aber schon als Wunschliste. Der Beiratsvorschuss ging dem ersten Seminar voraus, und die Institution, die Institutionen kritisieren sollte, begann wie jede andere mit einem Briefkopf.

Was folgte, lässt sich nur rekonstruieren. Büttner entwarf ein Finanzierungsmodell, das auf der Großzügigkeit eines Internetunternehmens beruhte, dessen Name heute niemand mehr kennt. Er formulierte ein Manifest mit Arendt-Zitaten, von denen zwei nicht von Arendt stammten. Bei einem Dortmunder Club fragte er nach dem Keller und erhielt vom Hausmeister die Auskunft, dort lagere das Leergut. Wer «Das inoffizielle Institut» kennt, wird die Pointe ahnen. Ausgerechnet die Figur, die Büttner später zum eigentlichen Träger jeder Institution erklären sollte, verhinderte seine erste Gründung. Die Hausmeisterontologie hat hier ihren unfreiwilligen Ursprung: Wer den Keller verwaltet, entscheidet, ob die Gegenkultur einziehen kann. Ohne Leergut hätte Büttner im Herbst 2001 die ersten fünfzehn Studierenden empfangen. Gesucht hätte er sie mit einer Anzeige, in der von «Piratinnen, Mythologen und Weltenbauer:innen» die Rede war.

Marcel Broodthaers hatte zwischen 1968 und 1972 mit seinem Musée d’Art Moderne, Département des Aigles vorgeführt, dass sich Institutionskritik als Institutionsmimesis betreiben lässt: ein Museum mit Briefpapier, Abteilungen und Eröffnungsreden, aber ohne Sammlung, Träger und Budget. Büttners Skizze kehrt dieses Verhältnis um. Sie entwirft eine reale Hochschule mit echtem Budget, echten Studierenden und echtem Abschluss, deren Radikalität jedoch nur behauptet ist. Andrea Fraser hat 2005 bemerkt, dass die Institutionskritik selbst zur Institution geworden ist und dass ihre Akteur:innen das Feld bewohnen, das sie zu kritisieren meinen. Büttner las diesen Satz an einem Dienstagmorgen nach der Taijiquan-Übung, noch mit warmen Händen, und bezog ihn auf die Lageplan-Rückseite in seiner Schublade. Die Untergeschosspädagogik, die er dort entworfen hatte, war ein Unterricht im Keller, dessen Bedingungen ein Stockwerk höher verhandelt werden. Sie hatte Frasers Befund bereits eingebaut, ohne es zu wissen.

Die Übung verändert, wer sie lange genug betreibt, das Verhältnis zur Zeit. Wer seit dem vierzehnten Lebensjahr meditiert und jeden Morgen dieselbe Form läuft, bringt wenig Geduld für Formate auf, die alle zwei Jahre eine neue Kohorte, ein neues Motto und eine neue Förderlinie brauchen. Das Authentizitätssubstrat, das sich in solcher Praxis ablagert, lässt sich nicht in Semester gliedern. Die Langsamkeit des Taijiquan verträgt sich schlecht mit dem Projektkapitalismus, den Luc Boltanski und Ève Chiapello beschrieben haben, denn dieser lebt davon, dass jedes Vorhaben endet, damit das nächste beantragt werden kann. Im Fördertakt atmet die Gegenkultur in Antragsfristen, und was ihn nicht mitgeht, fällt aus der Sichtbarkeit.

Vernünftig zu werden war für Büttner deshalb eine ästhetische Entscheidung, mit der er dem Fördertakt einen eigenen Rhythmus entgegensetzte. Es blieb beim Wiki Institut, das so klein war, dass es keinen Beirat brauchte, und das sich später als Vorläufer der Tiānwèn Akademie erweisen sollte. Hinzu kam das metalabor, dessen Ausgaben nummeriert sind wie Lieferungen und nicht beworben werden wie Events. Als ihn Jahre später die Konfuzius-Institute mit ihrer Absageökonomie aussortierten, keine einzige Antwort auf 550 Bewerbungen um eine Hausmeisterstelle, wiederholte er die Geste, die er 2001 an sich selbst vollzogen hatte, und gründete im Verborgenen. Das inoffizielle Institut unter dem Limburger Dom, erreichbar über eine Geheimtür im Domfelsen, ist das Gegenstück zur Universität im Clubkeller. Beide liegen unter der Erde. Die Domkellerkosmologie verlegt das Heilige nach unten, um es der Sichtbarkeit zu entziehen. Der Clubkeller der Skizze dagegen hätte das Unten zur Bühne gemacht, auf der sich die Gegenkultur dem Beirat präsentiert. Die Radical Dude Society, die die Treffen unter dem Dom organisiert, verzichtet auf Ornament, Ritual und Protokoll und bildet damit eine Unsichtbarkeitsinfrastruktur, für die es in einem Milieu aus Raumanzügen, Mondfahrten und Schallplatten aus Röntgenfilm kein Vokabular gibt.

Im Februar 2017 meldete «Dezeen» die Gründung der University of the Underground: gebührenfrei, transnational, unter Clubs in Amsterdam und London, mit einem Beirat von Chomsky bis Obrist. Büttner las die Meldung am Küchentisch in Limburg, wenige hundert Meter vom Domfelsen entfernt. Er holte die Skizze aus der Schublade und legte sie neben den Bildschirm. Die Übereinstimmungen reichten bis in die Spalte «Beirat», nur standen diesmal keine Fragezeichen hinter den Namen. Er stellte fest, dass ihn das weniger kränkte als erleichterte. Die Idee hatte ihren Ort gefunden, und mit ihr kamen die Sponsoren, der Streit mit der Studierendenschaft des Sandberg Instituut und fünf Jahre später ein staatliches Festivalbudget, das als «Festival of Brexit» begonnen hatte. Nichts davon musste er selbst durchstehen. Die Untergrundpädagogik, die das inoffizielle Institut ohne Curricula und Zertifikate betreibt, hatte in Amsterdam ihre Doppelgängerin bekommen: mit Curriculum, Zertifikat und Pressemappe.

Man könnte das als Geschichte eines Versäumnisses erzählen. Die Akten legen eine andere Lesart nahe. Büttner hatte das Prinzip dieser Universität zu früh verstanden, um sie noch gründen zu wollen: Die Gegenkultur im Keller braucht oben jemanden, der zahlt, und diese Zweistockwerk-Ökonomie ist ihr eigentlicher Lehrplan. Unter dem Dom gibt es kein oberes Stockwerk, das zahlt, nur eine Kirche, die von nichts weiß. Die Skizze liegt heute im Vault, Ordner «Unrealisiertes». Am Dienstag nach der «Dezeen»-Meldung unterrichtete er wie immer um neun. Es kamen sieben Übende, und niemand fotografierte.